Das dritte Geschlecht

Das srecht muss einen wei­te­ren posi­ti­ven sein­trag zulas­sen.

  1. Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) schützt die liche Iden­ti­tät. Es schützt auch die liche Iden­ti­tät der­je­ni­gen, die sich dau­er­haft weder dem männ­li­chen noch dem weib­li­chen zuord­nen las­sen.
  2. Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG schützt auch Men­schen, die sich dau­er­haft weder dem männ­li­chen noch dem weib­li­chen zuord­nen las­sen, vor Dis­kri­mi­nie­run­gen wegen ihres s.
  3. Per­so­nen, die sich dau­er­haft weder dem männ­li­chen noch dem weib­li­chen zuord­nen las­sen, wer­den in bei­den Grund­rech­ten ver­letzt, wenn das srecht dazu zwingt, das zu regis­trie­ren, aber kei­nen ande­ren posi­ti­ven sein­trag als weib­lich oder männ­lich zulässt.

Die Rege­lun­gen des srechts sind mit den grund­ge­setz­li­chen Anfor­de­run­gen inso­weit nicht ver­ein­bar, als § 22 Abs. 3 sge­setz (PStG) neben dem Ein­trag „weib­lich” oder „männ­lich” kei­ne drit­te Mög­lich­keit bie­tet, ein posi­tiv ein­tra­gen zu las­sen. Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG) schützt auch die liche Iden­ti­tät der­je­ni­gen, die sich dau­er­haft weder dem männ­li­chen noch dem weib­li­chen zuord­nen las­sen. Dar­über hin­aus ver­stößt das gel­ten­de srecht auch gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot (Art. 3 Abs. 3 GG), soweit die Ein­tra­gung eines ande­ren s als „männ­lich” oder „weib­lich” aus­ge­schlos­sen wird. Der Gesetz­ge­ber hat bis zum 31.12 2018 eine Neu­re­ge­lung zu schaf­fen. Gerich­te und Ver­wal­tungs­be­hör­den dür­fen die betref­fen­den Nor­men nicht mehr anwen­den, soweit sie für Per­so­nen, deren sent­wick­lung gegen­über einer weib­li­chen oder männ­li­chen sent­wick­lung Vari­an­ten auf­weist und die sich des­we­gen dau­er­haft weder dem männ­li­chen, noch dem weib­li­chen zuord­nen, eine Pflicht zur Anga­be des s begrün­den.

§ 21 Absatz 1 Num­mer 3 des sge­set­zes (PStG) in der Fas­sung von Arti­kel 1 des Geset­zes zur Reform des srechts (srechts­re­form­ge­setz – PStRG) vom 19.02.2007 1 in Ver­bin­dung mit § 22 Absatz 3 des sge­set­zes (PStG) in der Fas­sung von Arti­kel 1 Num­mer 6 Buch­sta­be b des Geset­zes zur Ände­rung srecht­li­cher Vor­schrif­ten (srechts-Ände­rungs­ge­setz – PStRÄndG) vom 07.05.2013 2 ist mit Arti­kel 2 Absatz 1 in Ver­bin­dung mit Arti­kel 1 Absatz 1 und mit Arti­kel 3 Absatz 3 Satz 1 des Grund­ge­set­zes unver­ein­bar, soweit sie eine Pflicht zur Anga­be des s begrün­den und dabei Per­so­nen, deren sent­wick­lung gegen­über einer weib­li­chen oder männ­li­chen sent­wick­lung Vari­an­ten auf­weist und die sich selbst dau­er­haft weder dem männ­li­chen noch dem weib­li­chen zuord­nen, kei­nen posi­ti­ven sein­trag ermög­li­chen, der nicht „weib­lich” oder „männ­lich” lau­tet.

Der Gesetz­ge­ber ist ver­pflich­tet, bis zum 31.12 2018 eine ver­fas­sungs­ge­mä­ße Rege­lung her­bei­zu­füh­ren.

Der Ausgangssachverhalt[↑]

Die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts lag ein Fall aus dem Raum Han­no­ver zugrun­de: Die beschwer­de­füh­ren­de Per­son bean­trag­te beim zustän­di­gen Stan­des­amt unter Vor­la­ge einer Chro­mo­so­nen­ana­ly­se die Berich­ti­gung ihres Geburts­ein­trags dahin­ge­hend, dass die bis­he­ri­ge san­ga­be „weib­lich” gestri­chen und die Anga­be „inter/​divers”, hilfs­wei­se nur „divers” ein­ge­tra­gen wer­den sol­le. Das Stan­des­amt lehn­te den Antrag mit Hin­weis dar­auf ab, dass nach deut­schem srecht im Gebur­ten­re­gis­ter ein Kind ent­we­der dem weib­li­chen oder dem männ­li­chen zuzu­ord­nen ist, oder – wenn dies nicht mög­lich ist – das nicht ein­ge­tra­gen wird (§ 21 Abs. 1 Nr. 3, § 22 Abs. 3 PStG).

Der dar­auf­hin beim zustän­di­gen Amts­ge­richt Han­no­ver gestell­te Berich­ti­gungs­an­trag wur­de vom Amts­ge­richt zurück­ge­wie­sen 3; die hier­ge­gen gerich­te­te Beschwer­de blieb vor dem Ober­lan­des­ge­richt Cel­le erfolg­los 4. Der Bun­des­ge­richts­hof wies auch die hier­ge­gen gerich­te­te Rechts­be­schwer­de zurück 5. Mit ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de rügt die beschwer­de­füh­ren­de Per­son ins­be­son­de­re eine Ver­let­zung ihres all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts (Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG) und eine Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des s (Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG) und erhielt nun vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Recht:

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Überblick[↑]

Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht schützt auch die liche Iden­ti­tät, die regel­mä­ßig ein kon­sti­tu­ie­ren­der Aspekt der eige­nen Per­sön­lich­keit ist. Der Zuord­nung zu einem kommt für die indi­vi­du­el­le Iden­ti­tät her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung zu; sie nimmt typi­scher­wei­se eine Schlüs­sel­po­si­ti­on sowohl im Selbst­ver­ständ­nis einer Per­son als auch dabei ein, wie die betrof­fe­ne Per­son von ande­ren wahr­ge­nom­men wird. Dabei ist auch die liche Iden­ti­tät jener Per­so­nen geschützt, die weder dem männ­li­chen noch dem weib­li­chen zuzu­ord­nen sind.

In die­ses Recht wird nach gel­ten­dem srecht ein­ge­grif­fen. Das srecht ver­langt einen sein­trag, ermög­licht jedoch der beschwer­de­füh­ren­den Per­son, die sich selbst dau­er­haft weder dem männ­li­chen noch dem weib­li­chen zuord­net, kei­nen Ein­trag, der ihrer siden­ti­tät ent­sprä­che. Auch durch die Wahl der gesetz­li­chen Vari­an­te „feh­len­de Anga­be” wür­de nicht abge­bil­det, dass die beschwer­de­füh­ren­de Per­son sich nicht als slos begreift, und nach eige­nem Emp­fin­den ein jen­seits von männ­lich oder weib­lich hat.

Hier­durch ist die selbst­be­stimm­te Ent­wick­lung und Wah­rung der Per­sön­lich­keit spe­zi­fisch gefähr­det. Der ist kei­ne Mar­gi­na­lie, son­dern ist nach dem Gesetz die „Stel­lung einer Per­son inner­halb der Rechts­ord­nung”. Der umschreibt in zen­tra­len Punk­ten die recht­lich rele­van­te Iden­ti­tät einer Per­son. Die Ver­weh­rung der srecht­li­chen Aner­ken­nung der lichen Iden­ti­tät gefähr­det dar­um bereits für sich genom­men die selbst­be­stimm­te Ent­wick­lung.

Der Grund­rechts­ein­griff ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht gerecht­fer­tigt. Das Grund­ge­setz gebie­tet nicht, den hin­sicht­lich des s aus­schließ­lich binär zu regeln. Es zwingt weder dazu, das als Teil des es zu nor­mie­ren, noch steht es der srecht­li­chen Aner­ken­nung einer wei­te­ren lichen Iden­ti­tät jen­seits des weib­li­chen und männ­li­chen s ent­ge­gen.

Dass im gel­ten­den srecht kei­ne Mög­lich­keit besteht, ein drit­tes posi­tiv ein­tra­gen zu las­sen, lässt sich nicht mit Belan­gen Drit­ter recht­fer­ti­gen. Durch die blo­ße Eröff­nung der Mög­lich­keit eines wei­te­ren sein­trags wird nie­mand gezwun­gen, sich die­sem wei­te­ren zuzu­ord­nen. Aller­dings müs­sen in einem Rege­lungs­sys­tem, das san­ga­ben vor­sieht, die der­zeit bestehen­den Mög­lich­kei­ten für Per­so­nen mit Vari­an­ten der sent­wick­lung, sich als weib­lich, männ­lich oder ohne sein­trag regis­trie­ren zu las­sen, erhal­ten blei­ben. Auch büro­kra­ti­scher und finan­zi­el­ler Auf­wand oder Ord­nungs­in­ter­es­sen des Staa­tes ver­mö­gen die Ver­weh­rung einer wei­te­ren ein­heit­li­chen posi­ti­ven Ein­tra­gungs­mög­lich­keit nicht zu recht­fer­ti­gen. Ein gewis­ser Mehr­auf­wand wäre hin­zu­neh­men. Ein Anspruch auf srecht­li­cher Ein­tra­gung belie­bi­ger Iden­ti­täts­merk­ma­le, die einen Bezug zum haben, ergibt sich aus dem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht hin­ge­gen nicht. Durch die Ermög­li­chung des posi­ti­ven Ein­trags eines wei­te­ren s unter einer ein­heit­li­chen drit­ten Bezeich­nung ent­ste­hen auch kei­ne Zuord­nungs­pro­ble­me, die sich nach gel­ten­dem Recht nicht ohne­hin schon stel­len. Denn im Fal­le der Ermög­li­chung eines wei­te­ren posi­ti­ven sein­trags sind die glei­chen Fra­gen zu klä­ren, die sich bei der nach der­zei­ti­ger Rechts­la­ge mög­li­chen Nicht­ein­tra­gung des s stel­len.

Dar­über hin­aus ver­stößt § 21 Abs. 1 Nr. 3 in Ver­bin­dung mit § 22 Abs. 3 PStG gegen Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG. Danach darf das grund­sätz­lich nicht als Anknüp­fungs­punkt für eine recht­li­che Ungleich­be­hand­lung her­an­ge­zo­gen wer­den. Dabei schützt Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG auch Men­schen vor Dis­kri­mi­nie­run­gen, die sich nicht dem männ­li­chen oder weib­li­chen zuord­nen. Denn Zweck des Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG ist es, Ange­hö­ri­ge struk­tu­rell dis­kri­mi­nie­rungs­ge­fähr­de­ter Grup­pen vor Benach­tei­li­gung zu schüt­zen. § 21 Abs. 1 Nr. 3 in Ver­bin­dung mit § 22 Abs. 3 PStG benach­tei­ligt aber Men­schen, die nicht männ­li­chen oder weib­li­chen s sind, wegen ihres s, weil die­se im Gegen­satz zu Män­nern und Frau­en nicht ihrem gemäß regis­triert wer­den kön­nen.

Die Ver­fas­sungs­ver­stö­ße füh­ren zur Fest­stel­lung der Unver­ein­bar­keit von § 21 Abs. 1 Nr. 3 in Ver­bin­dung mit § 22 Abs. 3 PStG mit dem Grund­ge­setz, weil dem Gesetz­ge­ber meh­re­re Mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung ste­hen, die Ver­fas­sungs­ver­stö­ße zu besei­ti­gen. So könn­te der Gesetz­ge­ber auf einen srecht­li­chen sein­trag gene­rell ver­zich­ten. Er kann aber statt­des­sen auch für die betrof­fe­nen Per­so­nen die Mög­lich­keit schaf­fen, eine wei­te­re posi­ti­ve Bezeich­nung eines s zu wäh­len, das nicht männ­lich oder weib­lich ist. Dabei ist der Gesetz­ge­ber nicht auf die Wahl einer der von der antrag­stel­len­den Per­son im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren ver­folg­ten Bezeich­nun­gen beschränkt.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 10. Okto­ber 2017 – 1 BvR 2019 /​16

  1. BGBl. I Sei­te 122[]
  2. BGBl. I Sei­te 1122[]
  3. AG Han­no­ver, Beschluss vom 13.10.2014 – 85 III 105/​14[]
  4. OLG Cel­le, Beschluss vom 21.01.2015 – 17 W 28/​14[]
  5. BGH, Beschluss vom 22.06.2016 – XII ZB 52/​15[]